
Der fränkische Ohr- oder Schläfenring gehörte zur frühmittelalterlichen Frauentracht. Er wurde in der Baugrube eines Steingebäudes aus dem 10. Jahrhundert gefunden. © Landeshauptstadt Düsseldorf/Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege
Das Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege Düsseldorf stellt im Rahmen der Reihe „Düsseldorfs Denkmal des Monats“ archäologische Funde aus dem historischen Ortskern von Düsseldorf-Gerresheim vor. Im Mittelpunkt stehen Relikte einer mehr als 1.000-jährigen Siedlungsgeschichte, die bei einer jüngst abgeschlossenen Ausgrabung freigelegt wurden.
Die Untersuchung erfolgte im Vorfeld eines Neubauprojekts an den Grundstücken Kölner Tor 30/32 und Am Wallgraben 16, unmittelbar an der ehemaligen mittelalterlichen Stadtbefestigung. Auf dem rund 1.100 Quadratmeter großen Areal entstehen Mehrfamilien- und Stadthäuser mit Tiefgarage. Der dafür notwendige Bodenaushub von bis zu vier Metern Tiefe ließ ein hohes archäologisches Potenzial erwarten. Entsprechend wurde das Baufeld vorab facharchäologisch untersucht.
Frühmittelalterliches Steinhaus überrascht
Zu den ältesten Befunden zählen Mauern und Fundamente eines frühmittelalterlichen Gebäudes aus Kalktuff mit einer Grundfläche von etwa 4,60 mal 4,40 Metern. Im Innenraum fanden sich ein Stampflehmboden sowie mehrere Schieferplatten. In der Baugrube wurde ein rund zwei Zentimeter großer bronzezeitlicher Ohr- oder Schläfenring entdeckt, der die naturwissenschaftlich ermittelte Datierung des Baus in das ausgehende 10. Jahrhundert bestätigt.
Der Fund gilt als bemerkenswert: Steinhäuser waren in Gerresheim bislang erst ab dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt. Keramikfunde deuten zudem auf eine Nutzung des Gebäudes bis ins Hochmittelalter hin. Weitere freigelegte Mauerreste aus Schiefer, Kalktuff und Quarzit belegen mehrere Um- und Ausbauphasen vom 11. Jahrhundert bis in die Neuzeit. Noch offen ist, ob einzelne Räume ursprünglich als Keller dienten oder ebenerdig zugänglich waren.
Gerresheim selbst tritt mit der Gründung eines Frauenstiftes im Jahr 870 erstmals urkundlich in Erscheinung und zählt damit zu den ältesten Siedlungskernen Düsseldorfs.
Sechs Brunnen auf engem Raum
Auf dem vergleichsweise kleinen Grundstück wurden insgesamt sechs Brunnen dokumentiert. Zwei Ziegelbrunnen stammen aus dem 19. Jahrhundert, vier weitere datieren vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit. Die Brunnenkränze bestanden aus Bruchsteinen in Mörtelbindung; die Schächte zeigten unterschiedliche Holzkonstruktionen, darunter fassähnliche Verschalungen mit Pflanzenfaserseilen sowie ausgehöhlte Baumstämme.
Die Befunde liefern Ansatzpunkte zur Erforschung historischer Wassergewinnung, lokaler Geologie und technologischer Entwicklungen. Zugleich stellt sich die Frage nach dem funktionalen Zusammenhang zwischen Brunnen und nachgewiesener Bebauung.
Ein rheinischer Exportschlager
Aus einem der Brunnen wurde ein nahezu vollständig erhaltener Bartmannkrug geborgen, dem lediglich der Henkel fehlt. Die bauchigen Steinzeuggefäße mit maskenförmigem Relief wurden zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert vor allem in Töpfereien in Frechen und Köln produziert. Sie waren ein bedeutender Exportartikel und fanden Verbreitung bis nach England, in die Niederlande sowie nach Übersee. Vollständig erhaltene Exemplare aus archäologischen Kontexten sind selten und bieten wertvolle Anhaltspunkte für die Datierung.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Grabung ist noch nicht abgeschlossen. Bereits jetzt zeichnen sich jedoch neue Erkenntnisse zur Siedlungsentwicklung Gerresheims ab. Die Funde verdeutlichen, dass sich im heutigen Stadtteil über Jahrhunderte hinweg eine kontinuierliche Bebauung und Infrastruktur entwickelte – ein vielschichtiges Kapitel Düsseldorfer Geschichte, das nun schrittweise freigelegt wird.


