Jacques Tilly im Gepräch mit dem WDR © Lokalbüro

Jac­ques Tilly im Gepräch mit dem WDR © Lokalbüro

 

Von Man­fred Fammler

„Ob’s reg­net oder hagelt – de Jecke stonn zu Düs­sel­dorf.“ Nicht jede Pro­phe­zei­ung wird letzt­lich wahr, doch diese schon: Regen, ein wenig Hagel und feucht-klamme Kos­tüme waren die stän­di­gen Weg­be­glei­ter beim Rosen­mon­tags­zug. Wer den Wet­ter­un­bil­len trotz­dem trotzte, wurde mit einem präch­ti­gen, herz­li­chen und poli­ti­schen Zug belohnt, der keine Wün­sche offen­ließ. Fazit: „Sweet Caro­line“ und „Tilly Helau“.

Es schien, als seien Him­mel und Kar­ne­va­lis­ten in einen Wett­streit um die Frage getre­ten, wer mehr sei­nes Taschen­in­halts auf die Jecken am Zug­weg nie­der­pras­seln lässt: der Wet­ter­gott mit sei­nen natür­li­chen Res­sour­cen aus Regen und Hagel oder die Jecken mit ihren Kamel­len? Für­wahr ein unglei­cher Wett­streit, den Düs­sel­dorfs Jecken jedoch deut­lich gewan­nen. Denn: Wäh­rend Petrus zwi­schen­zeit­lich Atem holen musste, kann­ten die Fuß­trup­pen und Wagen­be­sat­zun­gen keine Gnade und war­fen, was die Baga­ge­wa­gen her­ga­ben. CC-Chef Lothar Hör­ning sagte: „Es war eine Mischung, wie ich es mir gewünscht habe. Die Ver­eine hat­ten trotz des Wet­ters eine sehr gute Stimmung.“

Trotz der Aus­ge­las­sen­heit war es natür­lich ein Rosen­mon­tags­zug, über dem Jac­ques Til­lys Ant­wort auf die infame Anklage des Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch Putin schwebte. Er tat dies auf die ein­zig rich­tige Weise: mit einem lei­sen, deut­li­chen Bild – viel­leicht sogar mit einer ver­steck­ten Dro­hung gegen den Kriegs­herrn aus dem Kreml. Wenn du mich auf­spie­ßen willst, bekommst du einen Hieb mit der Narrenpritsche.

Der Düs­sel­dor­fer Hop­pe­ditz haut Putin? Zu wenig Schärfe, wurde getu­schelt. Tilly gerät ins Grü­beln und lacht: „Na ja, es könnte schär­fer sein, aber in Jah­ren mit gera­den Zah­len bin ich nicht so scharf wie in unge­ra­den Jah­ren.“ Was für ein Glück für Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch Putin.

Doch diese Kri­tik kann Düs­sel­dorfs Ober­bür­ger­meis­ter Ste­phan Kel­ler nicht nach­voll­zie­hen: „Er war sati­risch wie immer, er war scharf wie immer, er hat eine ganze Reihe Wagen gemacht, die es wirk­lich in sich hat­ten. Der Wagen über das Mul­lah-Regime bei­spiels­weise oder die AfD als Mario­nette Putins. Das ist poin­tiert, das ist scharf, und so ken­nen wir ihn.“ Tilly habe gezeigt, dass er sich nicht von der Kam­pa­gne aus Russ­land gegen ihn beein­dru­cken lasse. „Das finde ich toll.“ Natür­lich habe die Anklage von Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch Putin den Düs­sel­dor­fer Kar­ne­val bekann­ter gemacht, aber diese Art von Auf­merk­sam­keit habe man sich nicht gewünscht. „Dar­auf hät­ten wir ver­zich­ten kön­nen. Aller­dings zeigt dies, dass Satire durch­aus tref­fen kann, dass sie ernst genom­men wird – und das ist ja auch nicht schlecht.“

Doch glück­lich kön­nen auch andere Men­schen sein, solange sie kein „Orange Man“ oder ein fun­da­men­ta­lis­ti­scher Isla­mist sind. Durch Til­lys Anklage – in dop­pel­ter Hin­sicht – blickt die Welt ver­stärkt auf Düs­sel­dorf und auf die ande­ren The­men, die nicht ver­ges­sen wer­den dür­fen: die mor­den­den Mul­lahs im Iran etwa oder die Black-Mir­ror-Kind­heit, der Miet­preis­wahn – wobei sich Tilly in die­sem Jahr deut­li­cher den deut­schen und loka­len The­men widmete.

Etwa der Flucht des Senfs. Einst war Düs­sel­dorf Senf­haupt­stadt, heute jedoch schaut nur noch ein wei­nen­der Schloss­turm den flie­hen­den Pöt­ten hin­ter­her. Apro­pos Senf: Wenn es Eigen­tore gibt und eine Abstim­mung mit Füßen wirk­lich exis­tiert, so hat das Pro­dukt mit dem Wild­kat­zen­kopf am Düs­sel­dor­fer Rosen­mon­tag zwei Tref­fer erzielt. Zu Aber­tau­sen­den flo­gen Por­ti­onspa­ckun­gen eben jenes schar­fen oder mild­schar­fen Gewürz­mit­tels als Kamelle unters Nar­ren­volk. Doch unter deren Füßen wur­den die Packun­gen zer­tre­ten, floss die ehe­ma­lige wür­zige Ikone der Lan­des­haupt­stadt in die Gosse und lan­dete ent­we­der an den Bein­klei­dern der Besu­cher oder mischte sich mit dem rest­li­chen Stra­ßen­dreck. Kein Ham­mel­sprung, kein PR-Gag, son­dern eine klas­si­sche Abstim­mung mit Füßen eben – „Wärst du doch in Düs­sel­dorf geblie­ben“, wusste bereits Napo­leon zu sagen.

So muss jedoch die Frage gestellt wer­den, ob Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch Putins Angriff auf die Mei­nungs­frei­heit die Ses­sion mit einem lan­gen Schat­ten über­deckte. Lothar Hör­ning sagte: „Nein, ich sehe, dass das Motto ‚Wir blei­ben bunt‘ tie­fer in der Ses­sion auf­ge­nom­men wurde. Mehr­fach sag­ten mir Leute: Wir sind nicht braun, son­dern wir blei­ben bunt. Viele Men­schen haben sich hin­ter dem Motto sicher gefühlt.“ Putins Atta­cke habe weder die Kar­ne­vals­ses­sion noch den Rosen­mon­tags­zug nega­tiv beein­flusst. Im Gegen­teil: „Die Ver­eine zeig­ten sich enger mit­ein­an­der verbunden.“

Wie die Jeck­in­nen und Jecken am Weges­rand des von Regen und nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren beglei­te­ten Rosen­mon­tags­zu­ges: Wer alle 80 Wagen und die zahl­rei­chen Fuß­trup­pen trotz nas­ser Klei­dung, kal­ter Füße und Hände aus­hielt, ste­tig ein Helau anstimmte und bei „Sweet Caro­line“ die Hand sei­nes Nach­barn ergriff, bei dem wird die­ser Tag noch lange nach­hal­len – ebenso wie in Moskau.