
Abschiedsvorstellung D’haus-Intendant Wilfried Schulz © Düsseldorfer Schauspielhaus
Leise nahm der scheidende D’haus-Intendant Wilfried Schulz keineswegs Abschied. Immer wieder brandete an seinem letzten Arbeitsabend donnernder Applaus auf, wurde er einem Rockstar ähnelnd gefeiert. Selbst Zwischenrufe, sonst eher anderen Veranstaltungen vorbehalten, schallten durch Foyer und Großes Haus. Hatte es Schulz mal wieder geschafft, mit seiner Art das Publikum herauszufordern, andere Wege mit ihm zu gehen?
NRW-Kulturministerin Ina Brandes, die vierte Kulturministerin in Schulz’ Amtszeit, würdigte ihn als Intendanten des Düsseldorfer Schauspielhauses mit großer Anerkennung. Sie hätte den 74-Jährigen „gerne noch fünf bis zehn Jahre behalten“, sagte Brandes, doch Schulz habe deutlich gemacht, dass es für ihn nun genug sei.
Brandes erinnerte an schwierige Jahre: die Zeit ohne eigenes Haus, die Corona-Pandemie und die anschließende Erfolgsphase. Seit der Pandemie sei jede Spielzeit erfolgreicher gewesen als die vorherige, zuletzt mit „fast 260.000 Besuchenden“. Insgesamt seien unter Schulz’ Regie „knapp zwei Millionen Menschen“ ins Schauspielhaus gekommen.
Der langjährige Generalintendant habe „aus der Not eine Tugend“ gemacht und das Theater mit Formaten wie „Theater To Go“ in die Stadt getragen. Für Brandes ist er der Beweis, dass künstlerischer Anspruch, Publikumsbegeisterung und gesellschaftliche Relevanz zugleich möglich sind. Persönlich beschrieb sie ihn als „atemberaubend professionell“, mit einer besonderen Mischung aus Seriosität und „einem Funken Verrücktheit“.
Düsseldorfs Kulturdezernentin Miriam Koch würdigte Wilfried Schulz als „Theatermacher“, der die Beziehung zwischen Haus und Stadt nachhaltig verändert habe. Von zehn Jahren Intendanz bleibe vor allem „das Gefühl, dass ein Haus heute anders in einer Stadt steht als vor zehn Jahren“.
Im Zentrum stand Schulz’ Satz: „Düsseldorf ist mein Schicksal.“ Koch interpretierte ihn als Zeichen von Vertrauen, Verbundenheit und vielleicht sogar Heimat. Dass Schulz nirgendwo länger geblieben sei als in der Landeshauptstadt, sei „mehr als eine biografische Notiz“.
Trotz schwieriger Anfänge mit geschlossenem Haus und Ausweichspielstätten habe Schulz nicht gewartet, sondern „angefangen mit dem, was möglich war“. Er habe das Theater geöffnet und nie vermittelt, es sei „ein Ort für wenige“. Mit Stadtkollektiv, Jungem Schauspiel und vielen Kooperationen sei das Schauspielhaus „wieder ein selbstverständlicher Teil dieser Stadt geworden“.
Koch betonte auch die demokratische Bedeutung des Hauses: Kultur sei „nicht Freizeit“, sondern Teil des Zusammenlebens. Schulz habe Düsseldorf nicht nur durch Theaterabende geprägt, sondern „durch Haltung“. Zum Abschied sagte sie: „Danke, dass Du geblieben bist.“
Wegbegleiter Roger Vontobel sprach sehr persönliche Worte über Wilfried Schulz. Schon zu Beginn machte er deutlich, wie stark ihn dieser Abend berührt: „Es ist eine lange Zeit, die uns verbindet.“ Diese Verbindung sei über den Beruf hinaus zu einer Freundschaft gewachsen.
Vontobel erinnerte an gemeinsame Theaterarbeiten, an große Bühnenbilder, Sandmassen, Theaterzelte und monumentale Projekte. In Schulz sah er dabei den Mittelpunkt, „an dem sich alle Radien treffen“: jemanden, der nicht im Vordergrund stehen müsse und doch „alles zusammenhält“.
Besonders hob Vontobel hervor, was er von Schulz gelernt habe: Theater müsse ein offener Ort sein, „an dem Gemeinschaften entstehen“ und unterschiedliche Stimmen zusammenkommen. Schulz habe ihm gezeigt, „dass Offenheit nicht Beliebigkeit bedeutet“ und dass Neugier eine Haltung sei.
Zum Schluss wurde Vontobel sehr persönlich. Er dankte dem 74-Jährigen für „jahrelange Unterstützung“, für „Vertrauen“ und dafür, ihn als „Ratgeber“ an seiner Seite gewusst zu haben. Nach „17 gemeinsamen Theaterjahren“ sei Schulz für ihn ein prägender Theaterleiter und „ein Freund“ geworden.
Und der viel Gelobte selbst? Er nutzte die Zeit für sein Resümee ausgiebig. Man dürfe über alles reden, nur nicht über zehn Minuten – das galt an diesem letzten Abend offenbar für andere.
Im Grunde, so begann Schulz, habe er den ganzen Würdigungen „nichts hinzuzufügen“. Das Bild, das zuvor von seiner Intendanz gezeichnet worden sei, empfinde er als „große Bestätigung“. Und trotzdem holte er noch einmal aus und blickte dankbar auf die Dekade seiner Intendanz zurück. So konzentrierte er sich bei seinem Abschied auf das gemeinsame Werk der vergangenen zehn Jahre. Er wolle „eigentlich nur Danke sagen“, erklärte Schulz – besonders den rund 400 Mitarbeitenden des Hauses. Theater sei für ihn keine Einzelkunst, sondern ein Zusammenspiel vieler Berufe: „Ich bin kein Künstler, sondern ich ermögliche Kunst.“
Besonders würdigte Schulz das Ensemble. Es müsse „die Welt widerspiegeln“ und so vielfältig sein wie die Gesellschaft selbst – mit Menschen verschiedener Communities, Generationen, Meinungen und Haltungen. Nur dann erkenne das Publikum auf der Bühne „etwas wieder von seinem eigenen Leben“.
Als eine zentrale Errungenschaft seiner Intendanz beschrieb Schulz das D’haus als gemeinsames Dach für Schauspiel, Junges Schauspiel und Stadtkollektiv. Diese Vielfalt der Zugänge sei für ihn die Zukunft des Theaters. „Dieses Haus gehört niemandem, dieses Haus gehört allen“, sagte Schulz. Theater existiere nur, „wenn Menschen da sind und es angucken“ – als Ort von Präsenz, Gegenwart und Gemeinschaft.
Schulz dankte auch der Politik und der Stadtgesellschaft. Wichtig sei ihm immer ein Dialog „auf Augenhöhe“ zwischen Kunst, Kultur und Politik gewesen. Gerade in Zeiten von Demokratiekrisen, Rechtsextremismus und gesellschaftlicher Spaltung brauche es gemeinsame Räume, „wo wir gemeinsam nachdenken, nachfühlen können“.
Zum Abschied formulierte Schulz einen Wunsch: Es brauche weiterhin das Bewusstsein, „dass wir das D’haus brauchen“. Seine Zeit in Düsseldorf nannte er „eine tolle und abenteuerliche Zeit“. Für die Zukunft zeigte er sich zuversichtlich: Es werde „mit Mut und mit Nachhaltigkeit“ toll weitergehen.