Das Majolikahäuschen als Milchhalle an der Südseite der Schützenwiese im Hofgarten. Fotograf unbekannt, 1902 © Landeshauptstadt Düsseldorf/Stadtarchiv

Das Majo­li­ka­häus­chen als Milch­halle an der Süd­seite der Schüt­zen­wiese im Hof­gar­ten. Foto­graf unbe­kannt, 1902 © Lan­des­haupt­stadt Düsseldorf/Stadtarchiv

 

Es war ein klei­nes Bau­werk mit gro­ßer Wir­kung – und ver­schwand ebenso plötz­lich, wie es einst im Hof­gar­ten erschie­nen war. Mehr als ein Jahr­hun­dert nach sei­nem Abriss rückt das soge­nannte Majo­li­ka­häus­chen nun wie­der in den Fokus: Die Stadt Düs­sel­dorf hat den eins­ti­gen Aus­stel­lungs­pa­vil­lon zum „Denk­mal des Monats April 2026“ erklärt und ver­bin­det dies mit einem kla­ren Anlie­gen – der Suche nach neuen Spu­ren eines ver­lo­re­nen Gesamtkunstwerks.

Errich­tet wurde der Pavil­lon im Jahr 1902 als Bei­trag des Kera­mik­her­stel­lers Vil­leroy & Boch zur gro­ßen Indus­trie- und Gewer­be­aus­stel­lung, die gemein­sam mit der Deutsch-Natio­na­len Kunst­aus­stel­lung weite Teile des Rhein­ufers und des Hof­gar­tens ein­nahm. Auf rund 75 Qua­drat­me­tern prä­sen­tierte das Unter­neh­men ein archi­tek­to­ni­sches Schau­stück, das glei­cher­ma­ßen Pro­dukt­ka­ta­log und Kunst­ob­jekt war: ein kreuz­för­mi­ger Bau, über­zo­gen mit farb­in­ten­si­ven Flie­sen, Mosai­ken und Reli­efs aus den Werk­stät­ten in Dres­den, Mer­zig und Mett­lach. Die ver­wen­dete Majo­lika-Tech­nik – eine gla­sierte Kera­mik mit glän­zend wei­ßer Ober­flä­che – ermög­lichte eine außer­ge­wöhn­li­che Far­big­keit und Detail­tiefe. Jede Seite des Pavil­lons zeigte eine eigene gestal­te­ri­sche Handschrift.

Nach dem Ende der Aus­stel­lung ging das Gebäude in städ­ti­schen Besitz über und blieb dem Publi­kum erhal­ten. Zunächst als Milch­aus­schank genutzt, wan­delte sich das Häus­chen nach dem Ers­ten Welt­krieg zum Café „Mosaik-Pavil­lon“. Kaf­fee, Gebäck und som­mer­li­che Kon­zerte mach­ten den Ort zu einem belieb­ten Treff­punkt im Grünen.

Doch der Zeit­geist änderte sich – und mit ihm der Blick auf das Bau­werk. Im Vor­feld der GeSoLei-Aus­stel­lung 1926 galt der Pavil­lon als Relikt einer über­hol­ten, ver­spiel­ten For­men­spra­che. Der Archi­tekt Wil­helm Kreis, ver­ant­wort­lich für die neue städ­te­bau­li­che Ord­nung rund um den Ehren­hof, setzte auf klare, sach­li­che Linien. Für das far­ben­frohe Majo­li­ka­häus­chen war in die­sem Kon­zept kein Platz mehr.

Was folgte, wirkt aus heu­ti­ger Sicht wie ein Kapi­tel aus einem städ­ti­schen Krimi: Anfang Februar 1926 wurde der Päch­ter kurz­fris­tig zur Räu­mung auf­ge­for­dert. Wenige Tage spä­ter war das Inven­tar ver­schwun­den – und in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar auch das Gebäude selbst. Der Abriss erfolgte ohne öffent­li­che Ankün­di­gung, die Umstände sind bis heute nicht voll­stän­dig geklärt. Ebenso offen bleibt die Frage, wohin die Bau­teile und Ver­zie­run­gen gelangten.

Erst Jahr­zehnte spä­ter tauch­ten wie­der Spu­ren auf. Im Jahr 2014 stie­ßen Mit­ar­bei­ter des Gar­ten­am­tes bei Bau­ar­bei­ten nahe der Oeder­al­lee auf far­bige Kera­mik­frag­mente. Schnell wurde klar: Es han­delt sich um Über­reste des Majo­li­ka­häus­chens. Die Fund­stelle konnte archäo­lo­gisch gesi­chert wer­den, die gebor­ge­nen Teile gelang­ten unter ande­rem in das Het­jens-Museum.

Heute, zwölf Jahre nach die­ser Ent­de­ckung, läuft ein gemein­sa­mes For­schungs­pro­jekt des Muse­ums und der Stadt­ar­chäo­lo­gie. Ins­ge­samt 114 Frag­mente wer­den der­zeit unter­sucht, kata­lo­gi­siert und natur­wis­sen­schaft­lich ana­ly­siert. Ziel ist es, die ursprüng­li­che Gestal­tung des Pavil­lons mög­lichst genau zu rekon­stru­ie­ren. His­to­ri­sche Foto­gra­fien und wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten lie­fern dabei wich­tige Anhalts­punkte – doch viele Fra­gen blei­ben offen.

Des­halb rich­tet sich der Blick nun auch an die Düs­sel­dor­fer selbst. Die Denk­mal­be­hörde hofft auf bis­lang unbe­kannte Relikte in pri­va­ten Haus­hal­ten: alte Foto­gra­fien, Post­kar­ten oder sogar ori­gi­nale Kera­mik­stü­cke. Jede noch so kleine Spur könnte hel­fen, das Puz­zle zu vervollständigen.

Das Majo­li­ka­häus­chen steht exem­pla­risch für den Wan­del städ­ti­scher Ästhe­tik – und für den oft leicht­fer­ti­gen Umgang mit Bau­kul­tur ver­gan­ge­ner Epo­chen. Dass sich die Stadt heute erneut mit die­sem ver­schwun­de­nen Kleinod beschäf­tigt, ist mehr als nur ein Blick zurück. Es ist der Ver­such, ver­lo­rene Geschichte zumin­dest in Tei­len wie­der sicht­bar zu machen.

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