Innenraum des Deckungsgrabens, seitlich oben sind die Austritte der Bohrungen erkennbar © Landeshauptstadt Düsseldorf/Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege

Innen­raum des Deckungs­gra­bens, seit­lich oben sind die Aus­tritte der Boh­run­gen erkenn­bar © Lan­des­haupt­stadt Düsseldorf/Institut für Denk­mal­schutz und Denkmalpflege

 

Bei Bau­ar­bei­ten für eine neue Sport­halle des Gym­na­si­ums an der Bern­bur­ger Straße in Düs­sel­dorf-Eller stie­ßen Arbei­ter im Dezem­ber 2025 auf ein bemer­kens­wer­tes Über­bleib­sel des Zwei­ten Welt­kriegs: Unter dem Boden kam ein rund 60 Meter lan­ger Luft­schutz-Deckungs­gra­ben zum Vor­schein, der jahr­zehn­te­lang in Ver­ges­sen­heit gera­ten war. Das Insti­tut für Denk­mal­schutz und Denk­mal­pflege hat die Anlage nun zum Denk­mal des Monats Juni 2026 erklärt.

Bereits im Vor­feld der Bau­maß­nahme gab es Hin­weise auf einen Luft­schutz­bau im Bereich der frü­he­ren Flot­ten­straße, doch seine genaue Lage blieb unbe­kannt. Erst bei der Kampf­mit­tel­son­die­rung stie­ßen die Arbei­ter in etwa 80 Zen­ti­me­tern Tiefe auf eine mas­sive Beton­de­cke. Die Stadt­ar­chäo­lo­gie Düs­sel­dorf wurde umge­hend infor­miert, und gemein­sam mit Dr. Johan­nes Mül­ler-Kis­sing, Lei­ter der Unte­ren Denk­mal­be­hörde Essen und Experte für Welt­kriegs­ar­chäo­lo­gie, wur­den letzte Zwei­fel über die Natur des Fun­des aus­ge­räumt. Bevor die Anlage dem Neu­bau wei­chen musste, doku­men­tierte eine archäo­lo­gi­sche Fach­firma sie vollständig.

Der Deckungs­gra­ben bestand aus einem beto­nier­ten Gang mit Ton­nen­ge­wölbe, zwei Trep­pen­zu­gän­gen mit Schleu­sen sowie Belüf­tungs- und Ent­wäs­se­rungs­öff­nun­gen. Sol­che Bau­ten boten der Zivil­be­völ­ke­rung schnell erreich­ba­ren Schutz vor Split­tern und Trüm­mern — gegen direkte Bom­ben­tref­fer waren sie nicht aus­ge­legt. Hätte der Gra­ben voll belegt wer­den kön­nen, hät­ten dort mehr als 200 Per­so­nen Platz gefunden.

Beson­ders auf­fäl­lig ist der unge­wöhn­li­che Ver­lauf der Anlage: Der süd­li­che Abschnitt weist meh­rere Win­kel von 130 bis 155 Grad auf und weicht damit deut­lich von den damals gel­ten­den Vor­schrif­ten ab, die regel­mä­ßige recht­wink­lige Kni­cke zur Dämp­fung von Druck­wel­len vor­sa­hen. Am süd­li­chen Ende setzte sich der Gra­ben offen­bar als nur teil­weise höl­zern ver­schal­ter Erd­gra­ben fort — ein Befund, der dar­auf hin­deu­tet, daß ein wei­te­rer Abschnitt geplant, aber nie fer­tig­ge­stellt wurde. Nord­west­lich der Haupt­an­lage fan­den die Archäo­lo­gen zudem Reste eines wei­te­ren Luft­schutz­bau­werks, des­sen ursprüng­li­che Größe sich wegen spä­te­rer Zer­stö­run­gen nicht mehr rekon­stru­ie­ren ließ.

Im Inne­ren fan­den sich nur wenige Zeug­nisse der eins­ti­gen Nut­zung: Nägel, Haken, Holz­reste und stark kor­ro­dierte Metall­ge­gen­stände wie Geschirr, Werk­zeuge und meh­rere Luft­schutz­helme. Auch Frag­mente einer Gas­maske und eines beschrif­te­ten Holz­schil­des wur­den gebor­gen. An einer Wand war die Jah­res­zahl „1942” oder „1943” ein­ge­ritzt. Ob sie tat­säch­lich die Bau­zeit mar­kiert, ist ungeklärt.

Zahl­rei­che Bohr­lö­cher und Fehl­stel­len in der Decke bele­gen, daß die Anlage nach Kriegs­ende durch gezielte Spren­gun­gen unbrauch­bar gemacht wurde — ein typi­sches Ver­fah­ren der alli­ier­ten Demi­li­ta­ri­sie­rung Deutsch­lands nach 1945.

Unklar bleibt, für wen der Gra­ben ursprüng­lich gebaut wurde. Er liegt nur wenige Meter süd­lich der heu­ti­gen denk­mal­ge­schütz­ten Bern­bur­ger Schule, die seit 1915 besteht. Wäh­rend des Krie­ges sank die Schü­ler­zahl durch Eva­ku­ie­run­gen stark, 1941 wurde im Gebäude eine Kom­man­do­stelle des Sicher­heits- und Hilfs­diens­tes ein­ge­rich­tet, 1944 der Schul­be­trieb ganz ein­ge­stellt. Spä­tes­tens dann diente das Gebäude als Unter­kunft für 600 bis 700 Zwangs­ar­bei­ter, über­wie­gend aus west­eu­ro­päi­schen Län­dern. War der Gra­ben ursprüng­lich für die Schü­ler gedacht und wurde nach deren Eva­ku­ie­rung nicht mehr voll­endet? Zwangs­ar­bei­tern war der Zugang zu Bun­kern durch das NS-Regime in der Regel ver­bo­ten, in Ein­zel­fäl­len durf­ten sie jedoch ein­fa­che Deckungs­grä­ben nut­zen. Die genauen Hin­ter­gründe sol­len wei­tere For­schun­gen klären.

Der Fund reiht sich in die bewegte Luft­schutz­ge­schichte Düs­sel­dorfs ein. Als bedeu­ten­der Stand­ort der Rüs­tungs­in­dus­trie war die Stadt ein bevor­zug­tes Ziel alli­ier­ter Bom­ben­an­griffe — der erste große Angriff erfolgte am 1. August 1942, wei­tere schwere Bom­bar­de­ments folg­ten im Sep­tem­ber 1942 und im Juni 1943. Inzwi­schen sind im Stadt­ge­biet mehr als 400 unter­ir­di­sche und ober­ir­di­sche Luft­schutz­an­la­gen bekannt, über viele von ihnen ist jedoch kaum etwas überliefert.

Das Insti­tut für Denk­mal­schutz und Denk­mal­pflege stellt monat­lich ein Stück gebau­tes Erbe als „Düs­sel­dorfs Denk­mal des Monats” vor.

 

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