
Als sich eine Brücke in Bewegung setzte © Stadtarchiv Düsseldorf
Es war ein Moment, der weit über Düsseldorf hinaus für Aufmerksamkeit sorgte: Am 7. April 1976 setzte sich die Oberkasseler Brücke in Bewegung – langsam, kontrolliert und unter den Augen internationaler Beobachter. Was heute wie eine technische Selbstverständlichkeit wirken mag, war damals ein Novum. Erstmals weltweit wurde eine Schrägseilbrücke dieser Größenordnung nachträglich an ihren endgültigen Standort verschoben.
Die Ausgangslage war ebenso pragmatisch wie ambitioniert. Die bestehende Rheinquerung zwischen Innenstadt und Oberkassel war in die Jahre gekommen, ein Ersatz dringend erforderlich. Gleichzeitig sollte der Verkehr möglichst ungestört weiterlaufen. Die Lösung: Die neue Brücke wurde einige Meter stromaufwärts errichtet – parallel zum laufenden Betrieb auf dem alten Bauwerk.
Mit der Umlegung des Verkehrs auf die neue Konstruktion begann der eigentliche Kraftakt. Die alte Brücke wurde zurückgebaut, die Fundamente vorbereitet – und schließlich stand der spektakuläre Verschub an. Rund 47,5 Meter musste das mehrere tausend Tonnen schwere Bauwerk zurücklegen. Zentimeter für Zentimeter bewegte es sich, angetrieben von Hydraulikpressen, über spezielle Gleitlager aus Teflon. Die Geschwindigkeit war dabei bewusst gering: etwa ein Millimeter pro Sekunde.
Nach rund 13 Stunden war die Aktion abgeschlossen. Die Brücke hatte ihren Platz erreicht – präzise, ohne Zwischenfälle. In der Stadt wurde der Erfolg gefeiert. Zeitzeugen berichten von Applaus, läutenden Glocken und Wasserfontänen der Feuerwehr. Die Erleichterung war greifbar, denn das Risiko war erheblich. Eine Versicherung für den Verschub hatte die Stadt aus Kostengründen nicht abgeschlossen.
Dass das Projekt gelang, war vor allem der sorgfältigen Planung und dem ingenieurtechnischen Know-how zu verdanken. Die Oberkasseler Brücke ist Teil der sogenannten Düsseldorfer Brückenfamilie, zu der auch die Rheinkniebrücke und die Theodor-Heuss-Brücke zählen. Die Entwicklung dieser Bauwerke dokumentiert zugleich den Fortschritt im Brückenbau: von mehreren Pylonen hin zu immer schlankeren Konstruktionen mit nur einem zentralen Träger.
Die heutige Brücke misst gut 614 Meter in der Länge und 35 Meter in der Breite. Ihr markanter Pylon ragt über 100 Meter in die Höhe, die Seile sind in charakteristischen Bündeln angeordnet. Täglich nutzen zehntausende Menschen die Verbindung – ob im Auto, mit der Stadtbahn, zu Fuß oder mit dem Fahrrad.
Der Verschub von 1976 bleibt dennoch das herausragende Kapitel ihrer Geschichte. Er zeigt, wie mutige Entscheidungen und technische Präzision zusammenkommen können. Auch ein halbes Jahrhundert später gilt die Aktion als Meilenstein des Ingenieurbaus – und als ein Stück Düsseldorfer Stadtgeschichte, das bis heute nachwirkt.


