Von Man­fred Fammler

Es war der erste von zwei Aben­den – oder bes­ser gesagt: Tagen –, an denen die Jun­gen­ska­pelle Die Toten Hosen das Kom­mando in Düs­sel­dorf über­nahm. Rund 45.000 Fans fei­er­ten ihre Band überschwänglich.

Vom ers­ten Kon­zert unter der Ober­kas­se­ler Rhein­brü­cke über das Anti-WAAhn­sinns-Fes­ti­val in Wackers­dorf, den Gig auf Hel­go­land und die Magi­cal Mys­tery Tour nach Bue­nos Aires bis schließ­lich in die Sta­dien Euro­pas: Diese Geschichte erscheint im Nach­gang wie ein Traum. Umso grö­ßer war die Vor­freude der Fans auf das erste „Trink aus! Wir müs­sen gehen“-Kon­zert in der Heimat.

Vorab: Die Hosen blick­ten dabei weder allzu sen­ti­men­tal noch allzu tief in ihre eigene Geschichte zurück.

Anfangs war Cam­pino die Anspan­nung ange­sichts der hohen Erwar­tun­gen der Fans anzu­mer­ken. Nach so vie­len Aus­wärts­spie­len kann ein Heim­spiel in der alten Hei­mat selbst einem büh­nen­er­fah­re­nen Alt­vor­de­ren die Luft rau­ben. Doch mit der Zeit ent­spann­ten sich seine Züge, die Band spielte sich in einen Flow und bewies ein wei­te­res Mal, dass sie zu den bes­ten Live-Bands der Welt gehört.

Die Set­list spielte dabei eigent­lich keine Rolle. Die Hymne „Tage wie diese“ – Cam­pino: „Das Lied gehörte zu den am häu­figs­ten gespiel­ten Songs bei Hoch­zei­ten und Beer­di­gun­gen“ – ebenso wie die lei­sen Töne von „Nur zu Besuch“ ver­deut­lich­ten, wie umfang­reich sich das Reper­toire unter der Toten­kopf-Flagge über die Jahr­zehnte gefüllt hat.

Natür­lich fehlte an die­sem Abend jedem sein per­sön­li­ches Lieb­lings­lied. Aber es gab genü­gend andere, die diese Sehn­sucht schnell ver­ges­sen mach­ten. Ob „Altes Fie­ber“, „Alles aus Liebe“, „Pushed Again“, zum Abschluss die neue Düs­sel­dorf-Hymne oder „You’ll Never Walk Alone“: Mal wurde geschrien, mal gesun­gen, stets jedoch mit Herz­blut und so viel Lei­den­schaft per­formt, dass sich nie­mand in der Arena die­ser Ener­gie ent­zie­hen konnte.

Denn bei allem Über­schwang über die Live-Per­for­mance blei­ben die Fans der wesent­li­che Fak­tor eines Hosen-Kon­zerts. Sie wer­den in Cam­pi­nos Hän­den weich wie But­ter in der Sonne und fol­gen jedem Auf­ruf des „Pre­di­gers“.

Beson­ders beein­dru­ckend war der Moment, als sich der Him­mel über dem offe­nen Dach bereits leicht ver­dun­kelt hatte und Cam­pino mit dem Feu­er­zeug sei­nes Groß­va­ters (war es das wirk­lich?) vors Publi­kum trat. Nach und nach tauch­ten die Lich­ter der aber­tau­sen­den Han­dys nicht das Fir­ma­ment, son­dern die Arena in einen strah­len­den Sternenhimmel.

Aber wer kann bei einem Hosen-Kon­zert über­haupt von dem einen Moment sprechen?

„Wir kom­men aus einer ande­ren Zeit.“ Mit die­sem Satz begann Cam­pino den ers­ten von drei Zuga­be­blö­cken fast schon ent­schul­di­gend. Als nach rund 90 Minu­ten die Show in die erste kleine Pause ging, frag­ten sich einige Fans bang: „War’s das schon?“

Natür­lich nicht.

Ein Hosen-Kon­zert kennt kein Ende – nur Pau­sen, die manch­mal ein paar Jahre, dies­mal in Düs­sel­dorf aller­dings nur einen Tag dauern.

Und doch schwingt Weh­mut durch die Arena. Die Abschieds­tour führt auch äußer­lich man­chem Besu­cher – damals Struw­wel­kopf, heute Voll­glatze – das Ende einer eige­nen, teil­weise über 40-jäh­ri­gen Reise vor Augen. Dar­aus zie­hen die Kon­zerte auf die­ser fina­len Tour ihren Spi­rit und ihren ein­ma­li­gen Charme.

Dass nach dem über­wäl­ti­gen­den Finale zum Kehr­aus Vicky Lean­dros’ „Ich liebe das Leben“ aus den Boxen schallt, passt.

Jetzt wird erst ein­mal woan­ders aus­ge­trun­ken – ob in Wien, Bern oder Bue­nos Aires. Für einige Tour-Kon­zerte gibt es noch Restkarten.

Dann ist es so weit: Am 10. Juli 2027 fei­ern Die Toten Hosen ihr letz­tes Tour­nee-Kon­zert in Düs­sel­dorf. Wer dafür bereits Kar­ten hat, sollte sie um kei­nen Preis der Welt ver­kau­fen. An die­sem Tag – da kann sich jeder sicher sein – wer­den Cam­pino, Kud­del, Breiti, Andi, Vom und viel­leicht noch einige mehr erzäh­len, was frü­her ein­mal war.