Peter Buchholz mit seiner plattensammlung © LB / Olaf Oidtmann
Wunschkonzert wie in alten Tagen © LB / Olaf Oidtmann

125 Jahre Rhein­kir­mes auf den Rhein­wie­sen, 100 Jahre „Rau­pen­bahn“ und 60 Jahre „Rund um den Tegern­see“, dazu noch eine Welt­pre­miere – das größte Volks­fest am Rhein schafft den Spa­gat zwi­schen Tra­di­tion und Moderne. Selbst dann, wenn die Vor­her­sage für die zweite Welt­pre­miere, das Fahr­ge­schäft „Ora­cle“, danebenlag.

Schließ­lich ver­spricht der zweite Blick auf das älteste Fahr­ge­schäft auf den Rhein­wie­sen so viel mehr Nost­al­gie. Der Antrieb der Rau­pen­bahn wird durch Salz­was­ser erzeugt. Salz­was­ser? Ein kur­zer Blick in den Phy­sik­un­ter­richt erklärt dies: Salz­was­ser lei­tet Strom. Wer­den dann noch zwei unter­schied­li­che Metalle als Elek­tro­den in das Was­ser gesenkt, ent­steht elek­tri­sche Span­nung. Direkt unter dem Kas­sen­häus­chen befin­det sich ein Was­ser­be­cken mit knapp 80 Litern Salz­was­ser. Dar­über thront der „Steu­er­mann“ wie auf einem Schiff an einem Ruder, mit dem die Metall­plat­ten in das salz­hal­tige Was­ser gesenkt wer­den. „Je tie­fer ich das Metall ins Was­ser tau­che, desto schnel­ler fährt die Bahn“, erklärt Peter Buch­holz. Und wie viel Salz wird benö­tigt? „Alle drei bis vier Tage zwei nor­male Päck­chen Haus­halts­salz, das reicht“, sagt der Schau­stel­ler in sei­nem Kas­sen­haus, das eben­falls aus der Zeit gefal­len scheint und an einen Par­ty­kel­ler aus dem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert erin­nert. Sta­pel­weise Schall­plat­ten und zwei Tech­nics-Turn­ta­bles fal­len sofort ins Auge.

Doch nicht nur der unge­wöhn­li­che Antrieb zeich­net die Rau­pen­bahn aus. Berühmt ist vor allem das rote Ver­deck, das gegen Ende der Fahrt über die Wagen gezo­gen wird und schon viele heim­li­che Küsse vor neu­gie­ri­gen Bli­cken ver­barg. Urko­misch: Es gab sogar ein­mal eine Vor­schrift, dass das Ver­deck nicht län­ger als 15 Sekun­den geschlos­sen blei­ben durfte. „Heute muss ich nicht mehr so genau auf die Uhr schauen. Da kön­nen es auch schon mal 20 Sekun­den sein“, lacht Peter Buch­holz, der seit 40 Jah­ren mit die­sem Uni­kum über die Fest­plätze reist und seine Frau natür­lich auf der Rau­pen­bahn ken­nen­lernte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Geschichte, His­to­rie, Nost­al­gie – und ein schwär­men­der Geschäfts­füh­rer. „Ist das nicht schön?“, lachte Sven Ger­ling und sprang als Ers­ter auf das Podium des ande­ren Jubi­lars. In den 1980er Jah­ren war „Rund um den Tegern­see“ zuletzt auf den Rhein­wie­sen, nun wurde Platz für die­sen Klas­si­ker geschaf­fen. Fast schon unge­wöhn­lich lang­sam dre­hen die Wagen ihre Run­den um ein mit Was­ser gefüll­tes Bas­sin, das natür­lich den namens­ge­ben­den See dar­stel­len soll. Bei einer Spit­zen­ge­schwin­dig­keit von nur 25 km/h „wird nie­man­dem schlecht. Es ist eine ange­nehme Fahrt“, ver­spricht Betrei­ber Chris­to­pher Zettl. Das lässt sich von sei­nem zwei­ten Geschäft auf der Kir­mes wohl kaum behaup­ten. Der Mond­lift ist ein klas­si­sches Über­kopf­fahr­ge­schäft und fei­ert Pre­miere in Düs­sel­dorf. An einem gro­ßen Rad befin­den sich 20 Gon­deln für jeweils zwei Per­so­nen. Zunächst dreht sich das Rad waa­ge­recht, anschlie­ßend wird es fast senk­recht auf­ge­rich­tet. Dadurch fah­ren die Gäste mehr­fach kopf­über wie bei einem Loo­ping. Das Beson­dere an die­sem Fahr­ge­schäft: „Die nächste Fahrt rück­wärts“ ist keine Floskel.

Als Gegen­spie­ler zur baju­wa­ri­schen Nost­al­gie darf auch das „Infi­nity“ mit einer Flug­höhe von 65 Metern und einer Spit­zen­ge­schwin­dig­keit von 125 km/h gel­ten. Wobei nun die Moderne ihr Recht ver­langt. Dazu gehört auch der „Inva­der“, ein Rund­fahr­ge­schäft mit 15 frei schwin­gen­den Gon­deln, das noch nicht auf der Schüt­zen­wiese auf­ge­baut ist, aber in Düs­sel­dorf seine Geburts­stunde erlebt. „Ich habe heute Mor­gen mit dem Eigen­tü­mer tele­fo­niert“, sagte Man­fred Kir­schen­stein von der Platz­kom­mis­sion. „Das Fahr­ge­schäft wurde ges­tern vom TÜV abge­nom­men und ist jetzt wohl auf der Auto­bahn auf dem Weg nach Düs­sel­dorf.“ 24 Stun­den für Trans­port und Auf­bau einer Welt­neu­heit sind für Schau­stel­ler kein Hexenwerk.

Um es vor­weg zu sagen: Neun Euro kos­tet die Fahrt durch eine ehe­ma­lige Geis­ter­bahn, die nun mit einer VR-Brille zu einer neuen Attrak­tion umge­baut wurde. Dr. Archi­bald – Mas­ter of Time (bis 19 Uhr), danach Mas­ter of Hor­ror, visua­li­siert eine mehr als vier­mi­nü­tige 3D-Fahrt durch eine Fan­ta­sie- und Aben­teu­er­welt, die auch von Bril­len­trä­gern pro­blem­los erlebt wer­den kann. So ergibt sich eine Mischung aus Lauf­ge­schäft, The­men­fahrt und Vir­tual Reality.

Die Kir­mes steht spä­tes­tens mor­gen Nach­mit­tag, ver­spre­chen Schau­stel­ler und Schüt­zen. Auf 165.000 Qua­drat­me­tern wird es vom 17. bis 26. Juli wie­der ein bun­tes Mit­ein­an­der von 300 Schau­stel­lern und rund vier Mil­lio­nen Besu­chern geben. Damit diese auch ohne eige­nes Auto zur Kir­mes und wie­der nach Hause kom­men, ver­teilte Schüt­zen­chef Andreas-Paul Stie­ber 200 Leb­ku­chen­her­zen als Dan­ke­schön an die Rheinbahn.

Übri­gens ist der mor­gige Eröff­nungs­tag für ihn ein ganz beson­de­rer. Er erhält end­lich eine neue Kette, die Insi­gnie sei­ner Regent­schaft. Das Vor­gän­ger­mo­dell wurde 2024 aus dem Fest­zelt gestoh­len. Die neue Kette soll nun mit einem Tag ver­se­hen sein. Ob sie aller­dings einen per­sön­li­chen Objekt­schutz erhält, ist ebenso ein hart­nä­cki­ges Gerücht wie die Behaup­tung, sie werde künf­tig an Stie­bers Uni­form festgetackert.

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