Wenn Düsseldorf Gänsehaut macht
Thomas Bernhardt erzählt in seinem neuen Buch von Königsraub, Anarchie und Ungeheuern am Straßenrand
Düsseldorf gilt vielen als Stadt der Mode, der Kunst und des Altbiers. Dass hinter den bekannten Fassaden auch düstere, kuriose und manchmal schlicht überraschende Geschichten stecken, zeigt der Düsseldorfer Autor Thomas Bernhardt. An diesem Mittwoch erscheint im Wartberg Verlag sein Band „Dunkle Geschichten aus Düsseldorf – Schön & Schaurig“.
Mehr als 30 Geschichten auf 80 Seiten
Das Buch führt seine Leser in mehr als 30 Kapiteln vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei geht es nicht nur um Mord und Totschlag. Bernhardt versammelt Katastrophen, widersprüchliche Charaktere, außergewöhnliche Schicksale und liebenswürdige Legenden, mal mit, mal ohne Augenzwinkern.
Auch die rätselhafte Erscheinung der „weißen Frau“ gehört dazu. Das Hardcover im Format 13,2 mal 21 Zentimeter kostet 12,90 Euro (ISBN 978–3‑8313–3644‑9). Es richtet sich an Düsseldorfer ebenso wie an Besucher, die jenseits der bekannten Sehenswürdigkeiten auf Entdeckungstour gehen wollen.
Der Autor beschreibt sein Anliegen im Vorwort selbst: Seine Heimatstadt sei mit vielen Klischees behaftet, von der „Schickimicki-Stadt“ bis zur Provinzialität. Er wolle auch jene Seiten zeigen, die nicht leuchten. Dass die Auswahl subjektiv bleibt und manches Thema für einen weiteren Band übrig lässt, räumt er gleich mit ein.
Ein König wird entführt
Eine der Geschichten führt nach Kaiserswerth. Im Frühjahr 1062 hielt sich der elfjährige König Heinrich IV. mit seiner Mutter, Kaiserin Agnes, in der dortigen Pfalz auf. Zu Ostern erschien der Kölner Erzbischof Anno II. und lud den Jungen auf ein prächtiges Schiff am Rheinufer ein. Bernhardt schildert, was dann geschah:
„Kaum hatte Heinrich das Deck betreten, nahm die Geschichte eine dramatische Wendung. Die Ruderer stießen vom Ufer ab und brachten das Schiff rasch in die Strömung des Rheins.“
Der junge König sprang in seiner Verzweiflung in den Rhein, wurde aber gerettet und nach Köln gebracht. Für die Regentschaft hatte der sogenannte Königsraub weitreichende Folgen. Ein Gemälde von Anton von Werner aus dem Jahr 1868, das die Entführung zeigt, hängt im Düsseldorfer Stadtmuseum.
Pferdeäpfel für den König
Weit weniger bedrohlich, aber politisch nicht minder brisant ist ein Kapitel aus der Revolutionszeit. Am 14. August 1848 reiste König Friedrich Wilhelm IV. durch Düsseldorf. Entlang der heutigen Königsallee hatten sich Tausende Schaulustige versammelt. Beifall mischte sich mit Buhrufen. Der Überlieferung nach soll ein Junge an die königliche Kutsche gesprungen sein und die Umgebung des Monarchen mit Pferdekot beworfen haben. Bernhardt bleibt bei der Frage nach der Wahrheit nüchtern:
„Zweifelsfrei belegen lässt sich das nicht. Es gibt zwar Zeugenaussagen dazu, in den offiziellen Akten taucht davon jedoch nichts auf.“
Unstrittig sei dagegen, dass der Besuch von massiven Protesten begleitet wurde. Noch am selben Abend kam es zu Auseinandersetzungen zwischen preußischen Soldaten und Düsseldorfer Bürgern, ein Soldat starb. In Regierungskreisen galt die Stadt fortan als „Hauptherd der Anarchie“. Die Stadt bemühte sich um Versöhnung, und nach einer Überlieferung wurde die Kastanienallee später in Königsallee umbenannt.
Drachen mit Aufgabe
Dass es in Düsseldorf auch ganz handfeste Rätsel gibt, belegt ein weiteres Kapitel über den Volksgarten. Dort ragen drei bunte Ungeheuer aus dem Grün, die Düsseldorfer nennen sie „Nessy-Family“. Was nach Fantasie aussieht, erfüllt einen praktischen Zweck: Unter den Figuren verläuft einer der wichtigsten Abwasserkanäle der Stadt, den die Stahlrohre belüften. Entworfen hat die Anlage Mitte der 1990er-Jahre die Architektin Inge Loerke. Gegenüber wartet mit dem „Zeitfeld“ von Klaus Rinke das nächste Kuriosum: 23 Uhren auf sechs Meter hohen Stahlsäulen, die alle dieselbe Zeit anzeigen.
Der Autor
Bernhardt, geboren in Düsseldorf, ist Grafiker und Autor zahlreicher Bücher zu lokalgeschichtlichen Themen. Er schreibt für Tageszeitungen, Wochenblätter und Magazine, führt als Info-Scout und VHS-Dozent Besuchergruppen durch Düsseldorf und seine zweite Heimatstadt Hilden und ist mit seinem „Stadtquiz“ wöchentlich im Lokalfernsehen „Center TV“ zu sehen. 1987 gründete er die Geschichtswerkstatt Düsseldorf. Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt er 1995 die Bundesverdienstmedaille und 2004 das Bundesverdienstkreuz.
Der Wartberg Verlag, seit 1984 auf Regionalia und Geschenkbücher spezialisiert, hat mehr als 2000 Titel veröffentlicht. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich, weitere Informationen gibt es unter www.wartberg-verlag.de.
