Wenn Pappmaché zur Staatsaffäre wird

Jacques Tilly und Herausgeberin Eva Creutz © Lokalbüro
Jacques Tilly baut Figuren aus Pappmaché – und ein Moskauer Gericht hat ihn dafür in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Straflager verurteilt. Wie es dazu kam und welche politische Wirkung seine Arbeiten entfalten, zeigt das neue Buch „Wer hat Angst vor Pappmaché?“. Der im Alibri Verlag erschienene Band versammelt Bilder, Texte und Statements zu Tillys politischen Arbeiten sowie zur Auseinandersetzung mit der russischen Justiz. Herausgeberin ist Eva Creutz.
Ein Rückblick in Bildern
Der Band folgt chronologisch Tillys politischem Schaffen. Zu sehen ist unter anderem die Pressewand von 2019, als Fotos seiner Wagen in 95 Ländern der Welt veröffentlicht wurden. Es folgen Arbeiten wie das „Monströse Facebook“ von 2020 und die große Demonstration „Stoppt den Krieg“ in Berlin im März 2022. Damit zeigt das Buch nicht nur die bekannten Rosenmontagswagen, sondern dokumentiert auch Tillys politische und gesellschaftliche Aktivitäten abseits des Karnevalszugs.
Ein Schwerpunkt gilt dem Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen. Zu sehen sind unter anderem der Eichelbischof vor dem Kölner Dom und der Woelki-Wagen. Letzterer gehört inzwischen zur Sammlung des Hauses der Geschichte in Bonn. Tilly übergab den Wagen im August 2024 an das Museum.
Dokumentiert sind außerdem Motive vom Christopher-Street-Day in Köln und von Protesten gegen die AfD in Düsseldorf und Gießen. Ein weiterer Schwerpunkt sind Tillys Arbeiten gegen Wladimir Putin. Eine Putin-Protestfigur wurde im Mai 2024 auf dem Freedom Place in Den Haag gezeigt. Das Buch dokumentiert auch die Vorbereitung und den Transport der Figur.
Mit seinen putinkritischen Arbeiten geriet Tilly ins Visier der russischen Justiz. Aus dem Verfahren wurde im April 2026 ein Urteil: Achteinhalb Jahre Straflager. Auch dieses Kapitel nimmt im Buch breiten Raum ein.
Was Tilly selbst schreibt
Zu zahlreichen Motiven liefert Tilly eigene Texte. Facebook beschreibt er darin als ursprünglich harmlose Plattform, die sich zu einem Instrument für Manipulation, Desinformation und Radikalisierung entwickelt habe. Auch mit dem Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauch setzt sich Tilly auseinander. Er kritisiert den Schutz von Tätern und fordert staatliche Ermittlungen gegen Täter, Mitwisser und diejenigen, die Fälle vertuscht hätten.
Am Ende des Bandes steht ein persönliches Schlusswort des Künstlers.
Zwischen Zuspruch und Hass
Das Buch zeigt auch, welche Reaktionen Tillys Arbeit auslöst. Abgedruckt sind Auszüge aus E‑Mails und Netzkommentaren aus dem Jahr 2025 – teilweise mit der ursprünglichen Rechtschreibung. Die Bandbreite reicht von heftigen Beschimpfungen über Drohungen bis hin zu angekündigten Strafanzeigen.
Dem Hass steht deutlicher Zuspruch aus der Kunst- und Kulturszene gegenüber. Comiczeichner Ralf König schreibt über Tilly und den Umgang von Despoten mit Humor. Kabarettist Jürgen Becker sieht in der Reaktion der russischen Justiz auf einen Karnevalszug am Niederrhein einen Beleg für Tillys künstlerische Brillanz und nennt ihn „ein ganz Großer“. Dabei erinnert Becker an Joseph Beuys und dessen berühmten Satz über die Veränderung der Welt durch Kunst.
Auch Jan Böhmermann und das Team des ZDF Magazin Royale stellen sich hinter Tilly. Ihre Botschaft endet mit dem Satz: „Gegen die Angst! Für die Freiheit und die Kunst!“.
Das Vorwort stammt von Eva Creutz. Sie beschreibt Tilly als Künstler, der sich konsequent für eine offene Gesellschaft einsetze und mit seiner Satire auch Institutionen und Autoritäten herausfordere. Tilly habe den Karneval politisiert – und das sei gut so.
Rückendeckung aus der Politik
Tilly erhält auch Unterstützung aus der Politik. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst stellte sich nach dem Moskauer Urteil hinter den Künstler. Er bezeichnete Kunst und Karneval als Ausdruck demokratischer Meinungsfreiheit und sicherte Tilly die Solidarität der Landesregierung zu.
Auch Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller hatte sich während des laufenden russischen Verfahrens öffentlich mit Tilly solidarisiert. Im Februar 2026 unterzeichnete Keller gemeinsam mit weiteren Personen und Vereinen eine Solidaritätsanzeige in der „Rheinischen Post“. Unter dem Titel „Die Gedanken sind frei“ wurde darin Unterstützung für Tilly, sein Team sowie für die Freiheit von Kunst und Meinung bekundet.
„Uns Karnevalisten bringt kein Regime mehr zum Strammstehen“
Besonders deutlich fällt die Stellungnahme des Comitee Düsseldorfer Carneval aus. Die politische Satire und die Arbeit von Jacques Tilly und seinem Team gehörten zum Markenkern des Düsseldorfer Karnevals, erklärt der Pressesprecher des Comitee, Peter Dietlmaier. Die politischen Wagen am Rosenmontag seien ein fester Bestandteil des Düsseldorfer Karnevals und würden mit ihren Bildern weltweit Werbung für Düsseldorf machen.
Doch für das Comitee geht es um mehr als um die Marke Karneval. Es gehe um Freiheit, Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit. Verwiesen wird auf Artikel 5 des Grundgesetzes. Zugleich erinnert die Erklärung an Leo Statz, der sich nach 1933 gegen die Gleichschaltung des Karnevals gestellt hatte und 1943 vom NS-Regime wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt und geköpft wurde.
Die Düsseldorfer Karnevalisten sehen sich in dieser Tradition. „Uns Karnevalisten bringt kein Regime mehr zum Strammstehen“, heißt es in der Erklärung. Man lasse sich nicht einschüchtern – auch nicht aus Moskau. Die Arbeit von Tilly und seinem Team sei ein lebendiger Ausdruck des Freiheitswillens.
Der Künstler und die Herausgeberin
Jacques Tilly lebt als Illustrator und Bildhauer in Düsseldorf und prägt seit mehr als 40 Jahren den Düsseldorfer Karneval. Mit seinen satirischen Großplastiken nimmt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Konflikte ins Visier. Seine Arbeiten für Kampagnen von Greenpeace, von Brexit-Gegnern und gegen kirchlichen Missbrauch fanden weltweit Beachtung.
2017 erhielt Tilly von Amnesty International einen Menschenrechtspreis für Meinungsfreiheit, 2024 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. 2025 widmete ihm das Stadtmuseum Düsseldorf die große Retrospektive „Jacques Tilly. Freigeist“. 2026 wurden seine Arbeiten im Europäischen Parlament in Brüssel ausgestellt. Tilly ist Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und Mitglied im Düsseldorfer Aufklärungsdienst.
Herausgeberin Eva Creutz studierte Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf und arbeitet als selbstständige Grafikerin sowie als politische und säkulare Aktivistin in Köln. Sie ist unter anderem für den Alibri Verlag und die Giordano-Bruno-Stiftung tätig. 2010 gründete sie gemeinsam mit der Filmemacherin Ricarda Hinz den Düsseldorfer Aufklärungsdienst.
Der Alibri Verlag aus Aschaffenburg veröffentlicht seit mehr als 30 Jahren Bücher und Texte zu Selbstbestimmung, Aufklärung und Wissenschaft.
Buchvorstellung im FFT
„Wer hat Angst vor Pappmaché?“ wird am Mittwoch, 7. Oktober 2026, um 19 Uhr im Forum Freies Theater am Konrad-Adenauer-Platz 1 vorgestellt. Jacques Tilly präsentiert das Buch im Rahmen eines Bildervortrags und berichtet über die jüngsten Ereignisse rund um seine Arbeit. Anschließend ist eine Diskussion vorgesehen. Der Eintritt kostet fünf Euro. Das Buch ist am Veranstaltungsabend im FFT und ab Donnerstag, 8. Oktober, im Buchhandel erhältlich.