Michel Friedman: „Die Gefahr liegt in der Gleichgültigkeit“

Thomas Mühlnickel und Michel Friedman © Andreas Wiese / Destination Düsseldorf
Von Manfred Fammler
Bereits mit dem ersten Podcast der ZOON-Woche von Destination Düsseldorf setzte die Wirtschaftsvereinigung mit ihrem Gast Michel Friedman ein starkes Zeichen. Rund zwei Stunden sprach der streitbare Publizist im Podcast „Damit die Guten gewinnen“ mit Thomas Mühlnickel über den Zustand der Demokratie, die politische Zäsur in Sachsen-Anhalt und jüdisches Leben in Deutschland.
Michel Friedman sieht die deutsche Demokratie in einer tiefen Krise. Rechtsextreme Kräfte gewinnen an Einfluss, etablierte Parteien verlieren Vertrauen, und viele Bürger betrachten ihre Freiheit als selbstverständlich. Doch Friedman warnt nicht nur vor den Feinden der Demokratie, sondern vor allem vor der Gleichgültigkeit ihrer Verteidiger. „Die Gefahr liegt in der Gleichgültigkeit.“
Den Aufstieg der AfD betrachtet Friedman als historische Zäsur. Die Partei strebe keinen gewöhnlichen Politikwechsel an, sondern einen Systemwechsel, der demokratische Institutionen und Freiheitsrechte bedrohe. Besonders beunruhige ihn, wie wenig Widerstand diese Entwicklung auslöse. „Ich bin zutiefst besorgt und beunruhigt“, sagte er.
Deutschland verfüge über ein starkes Grundgesetz und funktionierende Institutionen. Doch viele Menschen seien zu „gelangweilten Demokraten“ geworden. Deswegen bezweifelt der mittlerweile 70-Jährige, dass die demokratischen Werte nach 80 Jahren Bundesrepublik tatsächlich so tief verwurzelt seien, wie lange angenommen. „Ich engagiere mich nicht gegen die AfD. Ich bin ein Handelsvertreter der Demokratie. Und das bin ich sehr gerne.“
Gleichzeitig forderte er jeden Einzelnen auf, es ihm gleichzutun und die Freiheit aktiv zu verteidigen. „Demokratie beginnt nicht erst bei Wahlen, sondern im Alltag.“ Das verlange jedoch Mut, sich bei unterschiedlichen Positionen einzumischen und Widerspruch zu äußern.
Friedman sieht die Ursachen der Vertrauenskrise auch bei den etablierten Parteien. Seit Jahrzehnten versprächen sie Bürokratieabbau, Digitalisierung, bessere Bildung und moderne Infrastruktur, ohne die notwendigen Reformen ausreichend umzusetzen. Friedman, ehemaliges CDU-Mitglied, sagte: „Das höre ich seit 25 Jahren von diesen Parteien, die es nicht gemacht haben.“
Die politische Klasse habe gesellschaftliche Veränderungen zu lange verwaltet, statt sie aktiv zu gestalten. Friedman bezweifelt, dass dieselben Verantwortlichen ohne grundlegende Erneuerung verlorenes Vertrauen zurückgewinnen könnten.
Zugleich kritisiert er die zunehmende Unfähigkeit demokratischer Parteien zur Zusammenarbeit. Starre Abgrenzungen verhinderten tragfähige Mehrheiten und verstärkten die politische Blockade. Demokratie brauche erkennbare Unterschiede, aber auch Kompromissbereitschaft. Dabei setzt der Publizist auf die Bürger, die politische Veränderungen einfordern, sich engagieren und gegebenenfalls neue politische Angebote schaffen müssten.
Als Beispiel für die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung schildert Friedman seinen Auftritt bei den Bayreuther Festspielen. Für den Sohn von Holocaust-Überlebenden steht der „Grüne Hügel“ für die lange verdrängte Verstrickung der Wagner-Familie in den Nationalsozialismus.
Über Jahrzehnte sei die Vergangenheit beschönigt worden, während politische und gesellschaftliche Eliten die Festspiele besuchten. Umso bedeutsamer bewertet Friedman die Haltung von Festspielleiterin Katharina Wagner.
Nach intensiven Gesprächen habe sie öffentlich die Verantwortung ihrer Familie und deren Unterstützung des NS-Regimes benannt. Für Friedman war nicht seine eigene Rede entscheidend, sondern diese Bereitschaft zur historischen Ehrlichkeit. „Schluss mit den Lügen, Schluss mit den Legenden.“
Bayreuth wurde für ihn damit zu einem Beispiel dafür, dass selbst jahrzehntelange Verdrängung überwunden werden kann. Friedman sagte: „Menschen können ihre Haltung verändern, Verantwortung übernehmen und einen Neubeginn ermöglichen.“
Dass die soziale Herkunft eines Kindes noch immer maßgeblich dessen Zukunft bestimme, widerspreche dem Menschenbild des Grundgesetzes. Besonders scharf kritisiert Friedman die anhaltende Bildungsungerechtigkeit in Deutschland und verwies auf seine eigene Geschichte: Als Zehnjähriger kam er ohne Deutschkenntnisse in die Bundesrepublik. Eine Lehrerin gab ihm zusätzlichen Unterricht und eröffnete ihm damit entscheidende Bildungschancen.
Friedman verteidigt deshalb die allgemeine Schulpflicht als große soziale Errungenschaft, die die AfD abschaffen möchte. Jedes Kind müsse unabhängig von Herkunft und Einkommen die Möglichkeit erhalten, seine Fähigkeiten zu entwickeln. Fehlende Chancengleichheit sei nicht nur ein bildungspolitisches Versagen, sondern auch eine Frage der Menschenwürde.
Friedman sieht ein weiteres gesellschaftliches Versäumnis in der unzureichenden familiären Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Deutschland habe sich zwar öffentlich intensiv mit seiner Geschichte beschäftigt, doch in vielen Familien seien die Fragen nach der Rolle von Eltern und Großeltern ausgeblieben.
Dabei gehe es nicht um die Schuld nachfolgender Generationen, sondern um die Bereitschaft, Verantwortung anzuerkennen und Empathie zu entwickeln.
Optimismus, Perspektiven, Zuversicht und Zuspruch – war das nicht der große Tenor der ZOON-Podcastwoche mit 25 Veranstaltungen in acht Tagen? Am Ende des langen Abends besinnt sich auch Michel Friedman auf diese Leitgedanken. „Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich frei bin“, betont er immer wieder in unterschiedlichen Facetten. Deshalb bleibt er trotz seiner düsteren Bestandsaufnahme zuversichtlich. Seine Eltern überlebten den Holocaust dank Oskar Schindler. Diese Erfahrung prägt seine Überzeugung, dass einzelne Menschen selbst unter schwierigsten Bedingungen Geschichte verändern können.
Deshalb lehnt er Resignation ab. Demokratisches Engagement müsse nicht im Großen beginnen. Schon Widerspruch, Zivilcourage und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, könnten etwas bewirken. Friedmans Botschaft ist damit ebenso Warnung wie Ermutigung: Die Demokratie ist gefährdet, aber ihr Scheitern keineswegs unausweichlich. Politische Erneuerung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Verteidigung der Freiheit hängen davon ab, ob Menschen bereit sind, selbst zu handeln. Denn: „Das letzte Wort ist nie gesprochen.“
Mehr Infos zur ZOON-Podcastwoche vom 9. bis 16. Oktober unter https://www.zoon-podcast-week.de/.