
v.l. Fortuna-Sprecher Kai Niemann, Aufsichtsratsvorsitzender. Björn Borgerding, Fortuna-Sportchefs Samir Arabi und Alexander Jobst. Vorstandsvorsitzender © Lokalbüro
Von Manfred Fammler
Es war viel von Wut und Trauer, Aufarbeitung und Fehlern die Rede. Überhaupt war manche Abschiedszeremonie fröhlicher als die heutige Vorstellung des neuen Fortuna-Sportchefs Samir Arabi. Dafür saß der Abstiegs-Schock einfach zu tief.
Sven Mislintat in der Winterpause zu holen? Ein Fehler. Auf einen verletzten Null-Tore-Stürmer zu setzen? Ein Fehler. Die beiden „Kabinenspieler“ Marcel Sobottka und André Hoffmann freizustellen? Ein Fehler. Doch die Mutter aller Fehler stellte Aufsichtsratsvorsitzender Björn Borgerding an den Beginn seiner Analyse. Die lag seiner Meinung nach bereits in der Saison 2024/25 verankert, als die 95er-Kicker auf dem sechsten Platz landeten. „Da lag schon etwas im Argen. Wir haben viele schlechte Spiele gesehen“, sagte er. Das anschließende Klaus-Allofs-Credo „all in“ für die neue Spielzeit, das so viel heißen sollte wie: in der nächsten Saison den Aufstieg ins Fußballoberhaus zu schaffen, markierte er ebenso als Fehler wie den vermeintlichen „Aufstiegskader“.
Was die Oberen der Rot-Weißen zu diesem Zeitpunkt verkannten und nicht wahrhaben wollten: Bei so vielen Fehlern und Fehlentscheidungen droht in der Schule nur das „Sitzenbleiben“, im Profisport jedoch der Abstieg – und der damit einhergehende Verlust von bis jetzt 66 Arbeitsplätzen, wie Geschäftsführer Alexander Jobst sagte. „Das macht mich wütend.“ Sogar komplette Abteilungen wie Digitale Spielanalyse oder Nachhaltigkeit wurden demnach ersatzlos gestrichen.
Und als würde das noch nicht reichen: keine Transfererlöse, weil die Verträge einen Einsatz in der 3. Liga nicht vorsahen – ein Fehler, der Mindereinnahmen von rund 30 Millionen Euro verursachte. Borgerding: „Wir verlieren unfassbar viel Geld.“ Allein diese Summe hätte das Drei- bis Fünffache des jetzt avisierten Budgets gedeckt. „Wir wollen im oberen Drittel der Liga liegen“, sagte Jobst, was in etwa sechs bis zehn Millionen Euro ausmacht. Nur zur Hälfte decken die zu erwartenden TV-Gelder diesen Betrag. Zum Vergleich: In der 2. Bundesliga wurden rund 16 Millionen Euro allein aus Fernseheinnahmen ausgeschüttet.
Für diese dramatischen Fehleinschätzungen und die daraus resultierenden Konsequenzen wollen sich Aufsichtsrat und Vorstand den Mitgliedern in einer Versammlung stellen. „Wir ducken uns nicht weg“, sagte Björn Borgerding in seinem sehr emotionalen Statement. „Der Abstieg war ein harter Schlag, er wird uns um mehrere Jahre zurückwerfen. Als Düsseldorfer Jong fühle ich mich leer und wütend.“ Ebenso wird zeitnah ein Mitgliederforum eingerichtet. Vielleicht ist bis dahin die derzeit wichtigste Personalie beantwortet: Bleibt Torwartikone Florian Kastenmeier dem Rhein erhalten oder wechselt er an die Weser?
Mit dieser Frage hat sich nun der neue Sportvorstand Samir Arabi zu beschäftigen. „Ich stehe mit ihm im Austausch“, sagte er bei seiner Präsentation. Auf die zweitdrängendste Fan- und Journalistenfrage antwortete er nachvollziehbar ausweichend: die Frage nach dem direkten Wiederaufstieg. „Ich baue keine Luftschlösser“, blieb der gebürtige Aachener diplomatisch. Zwölf Jahre war er für Arminia Bielefeld tätig und führte die Ostwestfalen als sportlicher Leiter in die Bundesliga. Ein Weg, den sich die Düsseldorfer Getreuen für ihren Lieblingsverein in Rekordzeit wünschen.
Doch dazu muss der Verein erst einmal neu aufgestellt werden. Denn das Fundament ist nach dem Abstieg brüchig und rissig. „Was es jetzt braucht, das ist Nähe und ein Gemeinschaftsgefühl. Wir müssen Vertrauen schaffen, dieser Verein hat so viel Kraft“, beschwor Jobst den Moment und hofft dabei zusätzlich auf die „Unterstützung aus der Wirtschaft“ sowie der Fans. Die können sich wohl weniger auf preiswertere Tickets freuen, denn Fortuna braucht jeden Cent. Allerdings verspricht Jobst, „attraktive Pakete“ zu schnüren.
Nun ist Fortuna Düsseldorf finanziell und sportlich abgestiegen – und die Vorstellung des neuen Sportchefs versprühte wenig Hoffnung und Aufbruchsstimmung. Dabei hoffen die Verantwortlichen auf der einen Seite auf pekuniären Zuspruch aus jedweder Ecke und auf der anderen auf sportliche Erfolge, die das Erstere überhaupt ermöglichen. Dass die Legionärstruppe der vergangenen Saison keine Mannschaft bildete und viel Kredit verspielte, war selbst dem eingefleischtesten Fußballfan im Oberrang, Block 150, letzte Reihe, aufgefallen.
An dieser Stelle will der neue Sportchef ansetzen. Natürlich nicht in der letzten Reihe, sondern auf dem Trainingsplatz und beim Zuschnitt eines schlagkräftigen Drittliga-Kaders. Dabei bezieht sich der 47-Jährige auf seine Erfahrungen bei verschiedenen Vereinen. „Ganz gleich, wie unterschiedlich die Ausgangslage war, so lag überall der Erfolg in der Einheit einer Mannschaft.“ Diese wolle er verkörpern und sich „mit Hand und Herz für die Fortuna zerreißen“. Vielleicht begeht der Vorstand in diesem Fall nicht einen weiteren Fehler, nämlich ihm zu verschweigen, dass er gar nicht so weit gehen muss: Ein direkter Wiederaufstieg würde ausreichen.


